“Alle wollten wissen, wie ein Buch entsteht” – Interview mit Alice Gabathuler zu ihrer Lesung im Lukashaus Grabs

Alice Gabathuler las im Lukashaus Grabs – Wohnen und Arbeiten für Menschen mit  Behinderung (Interview mit Alice Gabathuler)

Warum war die Lesung im Lukashaus eine besondere Premiere?

Alice Gabathuler: “Das Lukashaus in Grabs bietet Menschen mit Behinderung oder Unterstützungsbedarf adäquate Wohn- und Arbeitsformen. Damit durfte ich heute zum ersten Mal bei jenen Menschen lesen, für die ich das Buch geschrieben habe: bei zum Teil sehr leseschwachen LeserInnen. Eingeladen hat mich Hans Kobelt, der mit einer Gruppe zwei der drei Geschichten aus dem Buch „Voll Risiko“ gelesen hat und begeistert darüber war, sie sehr die Texte die Lesenden gepackt haben. Da freut man sich natürlich gleich doppelt!”

Was ist anders als bei einer Lesung an einer Oberstufenschule, was ist gleich?

“Die Teilnehmenden an der Lesung waren älter, also keine Oberstufenschüler mehr, sondern mehrheitlich junge Erwachsene. Mich als leidenschaftliche Hobbygärtnerin hat natürlich der Lesungsort sehr beeindruckt: Die Lesung fand in einem Glashaus statt, das Teil der hauseigenen Gärtnerei ist, an einem riesigen Tisch, dem man ansieht, dass dort gearbeitet wird. An diesem Tisch sassen rund 12 Personen, also etwas weniger als üblicherweise bei den Lesungen.”

Wie kam die Lesung an? Habt ihr über die Texte gesprochen?

“Wir stiegen mit einer Raterunde in die Lesung ein: Ich habe Stichworte und Zahlen auf den Tisch gelegt, die etwas mit mir zu tun haben; die Teilnehmenden haben sehr schnell herausgefunden, was sie bedeuten, und vor allem waren wir schon nach wenigen Minuten in einem Austausch. Weil sich alle sehr dafür interessiert haben, wie ein Buch entsteht, haben wir uns das genau angeschaut: Wir haben durch mein Notizbuch geblättert, über meinen kleinen Schreiblaptop gelacht, lektorierte Seiten unter die Lupe genommen, über fehlende oder zu viele Zeilen bei den Druckfahnen diskutiert, Coverentwürfe begutachtet (und unsere Meinung dazu abgegeben) und Klappentexte unter die Lupe genommen. Natürlich tauchten dabei auch Fragen zum Inhalt auf, was uns zu Computerspielen und Lügen brachte. Dazu haben die Teilnehmenden Fragen gestellt und über eigene Erlebnisse berichtet. Und natürlich haben alle ihre Namen in mein Notizbuch geschrieben, denn wenn ich Bücher schreibe, leihe ich mir Namen von TeilnehmerInnen meiner Lesungen aus. Dass dabei Wünsche geäussert wurden, versteht sich von selbst: Einer wäre gerne ein Bankräuber auf der Flucht, eine andere wünscht sich für sich eine Liebesgeschichte.”

Was hast du von den Teilnehmenden dort gelernt? Worauf haben sie dich aufmerksam gemacht? Was ist dir bewusst geworden?

“„Voll Risiko“ heisst nicht nur das Buch, es war auch ein Risiko, es zu machen. Würden wir als Verlag damit die Menschen erreichen, die wir erreichen möchten? Ich war mir beim Schreiben von „Voll Risiko“ nie ganz sicher, ob die Geschichten wirklich funktionieren. Natürlich haben wir Rückmeldungen eingeholt, aber in diesem speziellen Bereich fallen sie sehr unterschiedlich aus. Zu erleben, dass die Geschichten ankommen, ist für mich eine Bestätigung, dass sich das Risiko für dieses Buch gelohnt hat, eine riesige Freude und ein Ansporn für weitere Geschichten. Mir ist auch einmal mehr bewusst geworden, wie wichtig Geschichten sind, vor allem Geschichten, die den Weg in die Herzen der LeserInnen und ZuhörerInnen finden. Und dann noch ein handwerklicher Punkt: Hans Kobelt hat mir bestätigt, wie wichtig der Flattersatz für einfach erzählte Geschichten ist – und damit auch, dass wir im dritten Programm, das im September 18 erscheint, genau richtig liegen.”

Warum sind deine Geschichten wichtig für die jungen Menschen im Lukashaus? Worauf sollen sie sie aufmerksam machen?

“Es gibt viel zu wenig sehr einfach geschriebene Geschichten für junge Menschen, denen das Lesen – aus unterschiedlichen Gründen – sehr schwer fällt. Dabei interessieren sie sich genau wie ihre Altersgenossen für Themen wie Liebe, Mut, Risiko, Loyalität, Grenzen, Grenzen überschreiten, Verantwortung übernehmen. Sie möchten sich in den Geschichten erkennen, sie möchten mitlachen, mitbangen und mitfiebern. Alle Menschen lieben Geschichten. Und deshalb finde ich es wichtig, dass auch alle Menschen Geschichten lesen können. Niemand soll an der Schwierigkeit eines Texts scheitern müssen, wir brauchen Texte für alle.”

Die Teilnehmenden haben sich mit der Geschichte “Betreten auf eigene Gefahr” kreativ auseinandergesetzt. Was sagst du als Autorin zu dieser Art “Annäherung” an einen Text?

“Hans Kobelt hat mir schon am Telefon erzählt, dass unsere Downloads zu „Voll Risiko“ für seine Gruppe zu schwierig sind (etwas, an dem wir als Verlag noch arbeiten müssen!). Deshalb ist er mit ihnen kreativ geworden und hat „Betreten verboten“ Schilder hergestellt (ein solches spielt in der Geschichte eine wichtige Rolle). Das gab Zeit und Gelegenheit, bei der Arbeit über die Geschichte zu reden. Zudem können die Schilder im Garten eingesetzt werden! Ich habe eins geschenkt bekommen und habe mich total gefreut. Und weil auch hier, wie am Anfang dieses Vormittags, doppelte Freude noch viel besser ist: Brian hat mir eine wunderbare Collage auf Holz gemacht, auf der die beiden Hauptfiguren von „Betreten verboten“ zu sehen sind: Nino und Emma. Beides – Schild und Collage – werden bei mir zuhause einen Ehrenplatz erhalten.”